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Mutter Vális und Gestalt aus Baldrs Rachegeschichte Rindr ist eine Gestalt der nordischen Mythologie, die eng mit Odin, Baldr und Váli verbunden ist. Ihre Bedeutung beruht auf einer entscheidenden Prophezeiung: Nach Baldrs Tod wird Rindr Odin einen Sohn gebären, der ihn rächen soll. Dieser Sohn ist Váli. Er wächst übernatürlich schnell heran und tötet Höðr, als er erst einen Tag alt ist. Die Quellen überliefern unterschiedliche Fassungen. In der eddischen Dichtung tritt Rindr nur kurz und feierlich auf; spätere Texte erzählen ausführlicher, wie Odin mit ihr den künftigen Rächer zeugt. Die Völuspá erwähnt Rindr in ihrer Prophezeiung über Baldrs Tod. Nach dem Fall des Gottes wird ein Rächer geboren werden müssen. Das Gedicht kündigt an, dass Rindr Váli gebären wird, Odins Sohn. Der junge Gott erfüllt seine Aufgabe mit übernatürlicher Geschwindigkeit: Er ist kaum einen Tag alt, als er Rache nimmt. Die entscheidende Abstammung lautet: Odin + Rindr → Váli Rindrs Platz in dieser Überlieferung ist ausschlaggebend. Sie bringt den Gott zur Welt, dessen Dasein unmittelbar mit der Wiederherstellung der durch Baldrs Tod erschütterten Ordnung verbunden ist. Rindr erscheint auch im eddischen Gedicht Baldrs draumar. Odin reist in die Welt der Toten, um eine Seherin zu Baldrs unheilvollen Träumen zu befragen. Im Gespräch erfährt er vom Tod seines Sohnes und von der folgenden Rache. Die Weissagung kündigt an, dass Rindr Váli in den Hallen des Westens gebären wird. Odins Sohn wird schnell heranwachsen und Baldr rächen. Diese Überlieferung unterstreicht, dass Vális Geburt vorherbestimmt ist: Rindr ist Teil einer Ereigniskette, die angekündigt wird, bevor sich die Tragödie vollendet. Rindrs genaue Natur lässt sich schwer bestimmen. Die Quellen bewahren Traditionen und Einordnungen, die verschiedene Deutungen zulassen. Sie erscheint teils als weibliche Gestalt aus der göttlichen Welt, teils steht sie einer Prinzessin oder Frau menschlicher Abstammung näher. Es wäre daher gewagt, sie in jeder Fassung eindeutig als ásynja, Jötunn oder Menschenfrau zu bezeichnen. Beständig sind ihre Verbindung zu Odin und ihre Mutterschaft Vális. Die ältesten erhaltenen poetischen Quellen konzentrieren sich auf das Ergebnis ihrer Verbindung: Rindr soll Baldrs Rächer empfangen. Eine wesentlich ausführlichere Erzählung bietet Saxo Grammaticus. Seine Gesta Danorum enthält umgeformte und euhemeristische Fassungen vieler nordischer Mythen. Dort heißt Rindr Rinda und ist die Tochter eines Königs namens Billing. Odin, in der latinisierten Form Othinus, versucht wiederholt, sie für sich zu gewinnen. Rinda weist ihn zurück. Daraufhin nähert Odin sich ihr mit verschiedenen Verkleidungen und List. Saxos Erzählung ist deutlich länger und düsterer als die eddischen Hinweise. Nach mehreren erfolglosen Versuchen verkleidet Odin sich als Frau namens Wecha und gibt sich als Heilerin aus. Als Rinda erkrankt, erhält er unter dem Vorwand, sie zu behandeln, Zugang zu ihr. Die Geschichte endet mit Täuschung und sexueller Nötigung, durch die Odin das Kind zeugt, das Baldr rächen soll. Aus dieser Verbindung wird Bous geboren, der gewöhnlich dem Váli der nordischen Überlieferung gleichgesetzt wird. Saxos Erzählung muss von den Fassungen der Eddas unterschieden werden. Sein Werk macht aus Göttern frühere Könige, Krieger, Zauberer und Helden; viele Einzelheiten weichen stark von den isländischen Erzählungen ab. Die Entsprechung Rindr / Rinda → Mutter Vális / Bous zeigt dennoch, dass die Mutterschaft des Rächerkindes eine verbreitete Überlieferung war. Wer Rindrs Vater ist, hängt von der jeweiligen Tradition ab. Bei Saxo ist Rinda die Tochter des Königs Billing. Die nordische Überlieferung kennt außerdem Billingr, der unter anderem in einer Episode des Hávamál vorkommt: Odin sucht dort die Tochter Billingrs auf. Ein möglicher Zusammenhang zwischen den Erzählungen ist in der Forschung diskutiert worden. Die erhaltenen Quellen sagen jedoch nicht ausdrücklich und eindeutig, dass Billingrs namenlose Tochter im Hávamál Rindr ist. Die Ähnlichkeit ist bemerkenswert, doch diese Gleichsetzung bleibt eine Hypothese. Vális Geburt bestimmt Rindrs mythologische Rolle. Váli ist Odins Sohn und wird mit einer klaren Aufgabe geboren: den Tod Baldrs zu rächen. Sein übernatürlich schnelles Wachstum lässt ihn diese Pflicht fast unmittelbar nach seiner Geburt erfüllen. Váli tötet Höðr, der Baldr mit dem von Loki vorbereiteten Mistelzweig getötet hatte. Die Völuspá fügt hinzu, dass der Rächer seine Hände nicht wäscht und sein Haar nicht kämmt, bis er seine Aufgabe erfüllt hat. Rindr steht damit am Anfang eines der großen Rachezyklen in Odins Familie. Rindrs Rolle ist eng mit der Unausweichlichkeit verbunden, die viele nordische Erzählungen prägt. Baldrs Tod ist vorhergesagt worden – ebenso die Geburt seines Rächers. In dieser Weissagung ist Rindr die Frau, von der Váli geboren werden muss. Die überlieferten Texte berichten nur wenig über ihren Willen, ihre Gedanken oder ihr späteres Leben. Nach der Geburt ihres Sohnes verlieren die erhaltenen Quellen Rindr beinahe vollständig aus dem Blick. Wo sie danach lebt, ob ihre Beziehung zu Odin fortbesteht und welches Schicksal sie trifft, ist unbekannt. Auch ihre Beteiligung an Ragnarök wird nirgends geschildert. Über ihren Sohn ist mehr bekannt: Váli überlebt Ragnarök gemeinsam mit Víðarr und gehört zur göttlichen Generation der erneuerten Welt. Rindr — die übliche altnordische Form. Rind — eine häufige moderne Schreibweise. Rinda — die Form in der lateinischen Überlieferung Saxo Grammaticus’. Die Formen bezeichnen die mit Odin und der Geburt von Baldrs Rächer verbundene Gestalt; die Erzählungen unterscheiden sich jedoch deutlich. Art: weibliche Gestalt; genaue Einordnung ungewiss Wichtigste Rolle: Mutter von Baldrs Rächer Verbindung: Odin Sohn: Váli Entsprechung bei Saxo: Bous Vater: Billing in Saxos Fassung; die Gleichsetzung mit Billingr anderer Überlieferungen bleibt unsicher Mythologische Aufgabe: den Sohn gebären, der Baldrs Tod rächen soll Bezug zur Weissagung: Ihre Mutterschaft Vális wird in der poetischen Überlieferung vorhergesagt Eigene Kräfte: unbekannt Waffen: unbekannt Wohnstätte: unbekannt; Baldrs draumar spricht von den „Hallen des Westens“ Einordnung als ásynja: ungewiss Kult: keine gesicherten Zeugnisse Schicksal: unbekannt Rolle bei Ragnarök: unbekannt Namensvarianten: Rindr, Rind, Rinda Hauptquellen: Völuspá und Baldrs draumar aus der Lieder-Edda, Hinweise bei Snorri sowie als stark veränderte Parallelfassung Saxo Grammaticus’ Gesta Danorum.
Rindr
