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Odins und Vilis Bruder, beteiligt an der Weltschöpfung Vé gehört zur Göttergeneration, die unmittelbar an der Entstehung des Kosmos mitwirkt. Er ist der Sohn Borrs und Bestlas, Odins und Vilis Bruder und Búris Enkel. Laut Snorri Sturlusons Prosa-Edda töten die drei Brüder Ymir und erschaffen aus seinem Körper die Welt. In derselben Überlieferung wirken sie an der Erschaffung von Ask und Embla, den ersten Menschen, mit. Nach diesen Urereignissen verschwindet Vé fast vollständig aus den erhaltenen Erzählungen. Seine Bedeutung für die Kosmogonie ist groß, über ihn als einzelne Gottheit wissen wir jedoch wenig. Die Gylfaginning berichtet, dass Borr, Búris Sohn, sich mit Bestla, der Tochter des Riesen Bölþorn, verband. Aus dieser Verbindung gingen drei Söhne hervor: Odin Vili Vé Búri → Borr + Bestla → Odin, Vili und Vé Vé gehört zu einer Genealogie aus zwei Urgeschlechtern. Über seinen Vater stammt er von Búri ab, über seine Mutter Bestla ist er mit den Jötnar verwandt. Die erhaltenen Quellen berichten nichts über seine Geburt, Kindheit oder Jugend. Snorri berichtet, dass Borrs Söhne Ymir töten, den Urgiganten, von dem das alte Geschlecht der Frostriesen abstammt. Das aus Ymir strömende Blut verursacht eine gewaltige Flut, in der ein großer Teil seiner Nachkommen umkommt. Bergelmir und seine Gefährtin überleben und führen das Geschlecht der Riesen fort. Vé beteiligt sich gemeinsam mit Odin und Vili an Ymirs Tod. Die Erzählung schildert die Brüder als Einheit und nennt weder einen bestimmten Schlag noch eine eigene Waffe oder Aufgabe Vés. Nachdem sie Ymir getötet haben, bringen Borrs Söhne seinen Körper nach Ginnungagap und erschaffen aus seinen Überresten die Welt: Sein Fleisch wird zur Erde, sein Blut zu den Meeren und Gewässern, seine Knochen zu Bergen, seine Zähne und Knochenfragmente zu Steinen und Felsen, sein Schädel zum Himmelsgewölbe und sein Gehirn zu Wolken. Aus Ymirs Brauen errichten sie eine Befestigung um Midgard, das für die Menschen bestimmte Gebiet. Vé ist somit einer der drei Brüder, die den Körper des Urgiganten in einen geordneten Kosmos verwandeln. In der Gylfaginning finden Odin, Vili und Vé beim Gang an der Küste zwei Baumstämme oder Holzstücke und erschaffen daraus Ask und Embla, den ersten Mann und die erste Frau. Snorri verteilt ihre Gaben: Odin verleiht ihnen Leben und Geist, Vili Verständnis und Bewegung, Vé Gestalt, Sprache, Gehör und Sehkraft. Die Übersetzungen dieser Begriffe unterscheiden sich leicht, doch die Grundstruktur bleibt gleich: Jeder Bruder trägt Eigenschaften bei, die aus den leblosen Formen vollständige Menschen machen. Ask und Embla erhalten danach Midgard als Wohnort und werden zu den Vorfahren der Menschheit. Die Völuspá bewahrt eine andere Überlieferung: Odin, Hœnir und Lóðurr finden Ask und Embla und verleihen ihnen verschiedene Lebenskräfte. Vili und Vé kommen in dieser Version nicht vor. Diese Abweichung gehört zu den interessanten Fragen der nordischen Kosmogonie: Snorri nennt Odin, Vili und Vé, während die poetische Überlieferung der Völuspá Odin, Hœnir und Lóðurr verwendet. Die erhaltenen Quellen erlauben keine sichere Gleichsetzung Vés mit Lóðurr und keine automatische Zuordnung der Mitglieder beider Triaden. Die Erzählungen sollten als unterschiedliche Fassungen behandelt werden. In der Lokasenna beschuldigt Loki Frigg, mit Vili und Vé verkehrt zu haben. Die Szene gehört zu einem feindseligen Wortwechsel und erläutert die Umstände nicht näher. Eine verwandte Überlieferung steht in Snorris Ynglinga saga: Odin ist so lange fort, dass seine Brüder nicht mehr mit seiner Rückkehr rechnen. Vili und Vé übernehmen seine Habe und teilen Frigg. Odin kehrt schließlich zurück und nimmt seine Frau wieder zu sich. Beide Zeugnisse belegen eine Überlieferung, die Vili und Vé während Odins längerer Abwesenheit mit Frigg verband. Das altnordische Substantiv vé bedeutet Heiligtum oder heiliger Ort und gehört zum Wortschatz für geweihte Räume und religiöse Stätten. Diese sprachliche Verbindung hat dazu geführt, Vés Namen mit Heiligkeit, Heiligtum und Weihe in Beziehung zu setzen. Die Bedeutung des Namens muss jedoch von belegten mythologischen Funktionen unterschieden werden. Keine erhaltene Erzählung bezeichnet Vé ausdrücklich als „Gott der Heiligtümer“ oder als allgemein zuständig für die Weihe von Orten. Sein Name ist sprachlich klar mit dem Heiligen verbunden; daraus ein vollständig ausgeprägtes göttliches Zuständigkeitsgebiet abzuleiten, ginge über die Belege hinaus. In Snorris Erzählung bilden die drei Söhne Borrs bei den Urereignissen eine mächtige Triade. Odin, Vili und Vé töten Ymir, formen aus seinem Körper die Welt und erschaffen in der Gylfaginning Ask und Embla. Nach diesen Episoden entwickeln sich ihre Erzählstränge deutlich auseinander. Odin wird zu einer der Hauptfiguren der nordischen Mythologie, während Vili und Vé nur noch selten erwähnt werden. Der Gegensatz zwischen ihrer enormen kosmologischen Bedeutung und ihrem späteren Verschwinden gehört zu den auffälligsten Merkmalen der Überlieferung über beide Brüder. Weil zwei verschiedene Triaden mit der Erschaffung der Menschheit verbunden sind, wurden unterschiedliche Theorien über mögliche Entsprechungen zwischen Vili und Vé einerseits und Hœnir und Lóðurr andererseits vorgeschlagen. Eine mögliche Gleichsetzung dieser Figuren gehört zur vergleichenden Interpretation. Die erhaltenen mittelalterlichen Quellen identifizieren Vé nicht ausdrücklich mit Lóðurr und stellen keine sichere Entsprechung zwischen den Mitgliedern der beiden Triaden her. Vé und Lóðurr sollten daher als getrennte Figuren behandelt werden, sofern nicht gerade eine bestimmte Hypothese erörtert wird. Vés endgültiges Schicksal ist unbekannt. Keine erhaltene Erzählung berichtet von seinem Tod, seinem Verschwinden oder einem Rückzug aus der Welt. Auch eine Beteiligung an Ragnarök wird nicht beschrieben. Nach den Schöpfungserzählungen und den Hinweisen auf Odins Abwesenheit verschwindet Vé fast vollständig aus der überlieferten Erzähltradition. Dieses Schweigen steht im Gegensatz zu seiner anfänglichen Stellung: Er nahm an Ereignissen teil, die das Dasein der Welt und der Menschheit überhaupt erst bestimmten. Art: Gott aus dem Geschlecht der Æsir Vater: Borr Mutter: Bestla Brüder: Odin und Vili Großvater väterlicherseits: Búri Großvater mütterlicherseits: Bölþorn Kosmologische Rolle: wirkt an Ymirs Tod und der Erschaffung der Welt mit Ask und Embla: verleiht ihnen in der Gylfaginning Gestalt, Sprache, Gehör und Sehkraft Name: verwandt mit altnordisch vé, „Heiligtum“ oder „heiliger Ort“ Verbindung zu Lóðurr: in Deutungen vorgeschlagen, aber in den Quellen nicht ausdrücklich belegt Waffen: unbekannt Wohnstätte: unbekannt Individueller Kult: keine gesicherten Belege überliefert Schicksal: unbekannt Beteiligung an Ragnarök: unbekannt Hauptquellen: Gylfaginning, Völuspá, Lokasenna und Snorris Ynglinga saga.
Vé
