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Hlín

Hlín
Schutz und Dienst für Frigg
Hlín ist eine der Ásynjur, die eng mit Frigg verbunden sind. Die Quellen bewahren nur sehr wenige Informationen über sie, doch Snorri Sturluson schreibt ihr eine konkrete Aufgabe zu: Frigg beauftragt sie, jene Menschen zu schützen, die sie aus einer Gefahr retten möchte.
Ihre Gestalt wirft außerdem ein interessantes Problem für die Erforschung der nordischen Mythologie auf. Eine berühmte Stelle der Völuspá verwendet den Namen Hlín im Zusammenhang mit Odins künftigem Tod, was eine lange Debatte über das Verhältnis zwischen Hlín und Frigg ausgelöst hat.

Friggs Beschützerin

In Gylfaginning, einem Teil der Prosa-Edda, zählt Snorri Hlín zu den Ásynjur und erklärt ihre Aufgabe.
Frigg vertraut ihr den Schutz jener Menschen an, die sie vor einer Gefahr bewahren möchte.
Diese Beschreibung macht Hlín zu einer vor allem schützenden Gestalt. Ihr Handeln hängt unmittelbar von Friggs Willen ab: Die Königin der Æsir bestimmt, wer ihren Schutz erhalten soll.
Die erhaltenen Quellen enthalten keine Erzählungen über ein konkretes Eingreifen Hlíns zur Rettung eines Menschen. Ihre Funktion ergibt sich aus Snorris Erklärung.

Die Bedeutung ihres Namens

Snorri verbindet Hlíns Namen mit der Vorstellung von Schutz.
Nachdem er ihre Funktion erklärt hat, fügt er eine sprachliche Beobachtung hinzu: Von ihrem Namen leite sich ein Ausdruck für jemanden ab, der Zuflucht oder Schutz findet.
Hlíns Etymologie ist in der modernen Forschung unterschiedlich gedeutet worden. Die Verbindung ihres Namens mit dem Schützen gehört jedoch bereits zur mittelalterlichen Überlieferung, die Snorri vermittelt.

Hlín in der Völuspá

Der rätselhafteste Hinweis auf Hlín findet sich in der Völuspá, einem der grundlegenden Gedichte der Lieder-Edda.
Während der Schilderung der Ereignisse, die zu Ragnarök führen, kündigt die Seherin das an, was gewöhnlich als Hlíns zweiter Schmerz übersetzt wird, als Odin aufbricht, um dem Wolf Fenrir gegenüberzutreten.
Die Bedeutung der Stelle ist problematisch.
Die traditionelle Deutung nimmt an, dass Hlín hier als anderer Name für Frigg dient. Nach dieser Lesart wäre Friggs erster großer Schmerz der Tod ihres Sohnes Baldr, während der zweite mit Odins Tod während Ragnarök einträte.
Diese Deutung passt zum Zusammenhang des Gedichts, wirft aber eine offensichtliche Schwierigkeit auf: In Gylfaginning stellt Snorri Frigg und Hlín als getrennte Gestalten dar.

Waren Hlín und Frigg dieselbe Göttin?

Die Frage bleibt offen.
Eine Möglichkeit ist, dass Hlín ursprünglich ein Name, Titel oder Aspekt Friggs war und spätere Überlieferungen sie schließlich als eigenständige Gottheit behandelten.
Eine andere Möglichkeit besagt, dass Hlín eine eigene Gestalt war und die Stelle der Völuspá ihren Namen auf eine heute schwer rekonstruierbare Weise verwendet.
Zu berücksichtigen ist auch, dass Snorri seine Edda im 13. Jahrhundert schrieb, lange nach der Christianisierung Islands, und dabei poetisches Material aus verschiedenen Zeiten und Überlieferungen nutzte. Seine Listen von Göttern und Göttinnen sind eine grundlegende Quelle, garantieren aber nicht, dass all diese Gestalten in der heidnischen Zeit vollkommen getrennte Identitäten besaßen.
Hlín kategorisch mit Frigg gleichzusetzen, würde deshalb über das hinausgehen, was die Quellen sicher aussagen lassen.

Der erste und der zweite Schmerz

Der Ausdruck der Völuspá ist besonders eindringlich, weil er eine frühere Tragödie voraussetzt.
Wenn Hlín in dieser Stelle Frigg bezeichnet, wird der erste Schmerz gewöhnlich als Baldrs Tod gedeutet.
Der zweite entspricht dann Ragnarök.
Odin kämpft gegen Fenrir und stirbt, vom Wolf verschlungen. Kurz darauf rächt Víðarr seinen Vater, indem er Fenrir tötet.
Die Strophe würde somit Frigg — unter dem Namen Hlín — den beiden großen Verlusten ihrer Familie gegenüberstellen: zuerst Baldr und schließlich Odin.
Diese Lesart besitzt eine lange Deutungstradition, hängt aber gerade davon ab, dass Hlín als Bezeichnung Friggs verstanden werden kann.

Hlín unter Friggs Begleiterinnen

In Snorris Ordnung gehört Hlín zu Friggs unmittelbarem Umfeld, neben anderen Ásynjur mit bestimmten Aufgaben.
Fulla trägt Friggs Truhe, kümmert sich um ihr Schuhwerk und kennt ihre Geheimnisse. Gná reist auf Hófvarpnir durch verschiedene Welten, um ihre Aufträge auszuführen. Hlín erhält den Auftrag, diejenigen zu schützen, die Frigg in Sicherheit halten möchte.
Die drei Gestalten sind somit mit unterschiedlichen Aspekten von Friggs Autorität verbunden: Vertrauen, Kommunikation und Schutz.
Die geringe Zahl der Zeugnisse verhindert eine Entscheidung darüber, inwieweit diese Struktur alte Glaubensvorstellungen widerspiegelt oder eine von Snorri aus bruchstückhaften Überlieferungen geschaffene Systematisierung ist.

Eine schwer rekonstruierbare Gestalt

Hlín besitzt keine bekannte Abstammung, keinen belegten eigenen Wohnort und keinen erhaltenen eigenständigen Mythenzyklus.
Ebenso fehlen klare Belege, die einen eigens ihr gewidmeten Kult rekonstruieren ließen.
Ihre Bedeutung ergibt sich aus zwei kurzen, aber wichtigen Zeugnissen: Snorris Beschreibung als Beschützerin in Friggs Dienst und dem rätselhaften Hinweis der Völuspá auf „Hlíns zweiten Schmerz“.
Die Spannung zwischen diesen Zeugnissen ist gerade der interessanteste Aspekt dieser Ásynja. Im einen erscheint sie als Friggs Dienerin; im anderen scheint ihr Name die Stelle einzunehmen, die wir für Frigg selbst erwarten würden.

Attribute

Gruppe: Ásynjur Göttliches Umfeld: Frigg und die Æsir Hauptfunktion: Schutz Aufgabe laut Snorri: Die Menschen schützen, die Frigg aus Gefahr retten möchte Verhältnis zu Frigg: Eng; möglicherweise bestand auch eine komplexere Beziehung des Namens oder der Funktion Abstammung: Unbekannt Wohnort: Unbekannt Wichtiger Hinweis: „Hlíns zweiter Schmerz“ angesichts von Odins Tod während Ragnarök Gleichsetzung mit Frigg: Möglich und umstritten Hauptquellen: Gylfaginning aus der Prosa-Edda und Völuspá aus der Lieder-Edda