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EINEN AUSZUG LESEN

Sylvae

ᚠ Prolog

Draußen fiel der Schnee mit der ganzen Schwere des härtesten Winters über Eldermere, an den man sich seit Jahren erinnern konnte, doch drinnen auf dem Bauernhof bot das Feuer Zuflucht vor dem Vergessen.

Rufus war damals sechs Jahre alt und ein Junge, der nie gelernt hatte, still zu sitzen. Er beobachtete die Hände seiner Mutter Elsha, während sie ein graues Leinentuch mit einem Silberfaden bestickte, der von selbst zu leuchten schien.

„Erzähl mir die Geschichte von der Herrin des Sees, Mama“, flüsterte der Junge, der sich neben dem Kamin zusammengerollt hatte.

Elsha hielt inne. Sie blickte in die Glut und begann mit sanfter, warmer Stimme zu erzählen, einer Stimme, die wie geschaffen war, um lange Winter zu überstehen:

„Vor langer Zeit, als die Welt noch jung war und Himmel und Erde durch Schwüre miteinander verbunden waren, lebte ein Kriegerprinz namens Edrion. Er war ein starker und gerechter Mann. Man sagte, in seinen Adern fließe noch das Blut der Alten, jener Menschen, die den Edelmut der ersten Welt noch nicht vergessen hatten. Eines Tages sah er, als er am Ufer eines großen Sees jagte, einen wunderschönen Hirsch, der neben seinem Jungen trank. Edrion war ein großer Krieger, doch sein Herz war rein. Er senkte den Bogen und verschonte das Tier, denn er hatte keinen Hunger.“

Rufus riss die Augen weit auf und stellte sich die Szene vor.

„Da teilte sich das Wasser“, fuhr Elsha fort und hielt die Nadel über dem Tuch still. „Aus der spiegelglatten Wasserfläche stieg die Herrin des Sees empor. Sie war wunderschön und furchteinflößend, mit Augen von der Farbe uralten Eises, goldenem Haar und einer Haut, so blass wie der Mond. Sie war eine Hüterin der Grenzlande, eine Tochter des Wassers und der Wurzeln, und an jenem Tag entschied sie sich, allen Gesetzen zum Trotz einen menschlichen Prinzen zu lieben.“

„War das verboten?“, fragte der kleine Rufus.

„Das war es, mein Sohn. Kein Feenwesen darf einem Sterblichen seinen Namen und seine wahre Liebe schenken. Doch manche Namen sind dazu bestimmt, in einem anderen Herzen bewahrt zu werden. Sie liebten einander im Verborgenen, während die Welt sich gegen sie verschwörte. Und der Ehrgeiz der Menschen ist ein Hunger, der niemals gestillt wird. Die Könige der Menschenwelt und der Rat in den Wurzelhallen vereinten ihre Ängste, um dieses Band zu zerstören.“

Elsha seufzte, und einen Augenblick lang schienen die Schatten im Zimmer länger zu werden.

„Sie schickten in tiefster Nacht Söldner aus, um ihn zu töten, doch wider Erwarten scheiterten sie. Edrion war kein Mann, der sich so leicht töten ließ. Aber Monate später lockten sie ihn in einen zweiten Hinterhalt, dem er nicht entkommen konnte.“

Das Blut des Prinzen befleckte das Ufer, das sie hatte beschützen sollen, und Edrion fiel nahe dem See in den Schlamm, während er nach der Hand der Königin des Waldes suchte. Da geschah die Spaltung.

In ihrem Schmerz war die Herrin nicht länger nur eine Hüterin, sondern wurde selbst zur Strafe. Der Wald wurde feindselig. Die Wurzeln erhoben sich wie Klauen gegen beide Welten, die feenhafte und die menschliche. Unheil suchte beide Welten heim, die sie verraten hatten.

Seit jener Nacht war der alte Name des Waldes, Eluneth, von den Landkarten getilgt, und der See hatte gelernt, Geheimnisse besser zu bewahren als die Erde.

Die Mutter strich Rufus über das blonde Haar und sah ihn mit einer Eindringlichkeit an, die der Junge erst viele Jahre später verstehen würde.

„Denk immer daran, Rufus: Was schläft, erinnert sich. Manche Versprechen sterben nicht; sie warten nur darauf, dass jemand am richtigen Ufer ihren Namen erneut ausspricht.“

Rufus schlief ein, während er dem Knistern des Feuers lauschte, und träumte von einem Prinzen, der seinen Bogen senkte, und einer Königin, die unter dem Eis auf ihn wartete.

Und während der Schnee weiter auf Eldermere fiel, schwieg der See jenseits der schlafenden Felder.

Er schlief nicht.

Er erinnerte sich.

Sylvae:

ᚢ- Der Jahrmarkt

Sie waren zu zweit, immer zu zweit. Der Kleinere hieß Peter; er war derjenige, der bei den Wettrennen meistens verlor. Der andere hieß Rufus; er war derjenige, der nie gelernt hatte, still zu sitzen, und sein blondes, vom Wind zerzaustes Haar schien selbst an bewölkten Tagen das Sonnenlicht einzufangen.

Sie kannten einander so gut, dass sie sich ohne Worte verständigen konnten. Sie kannten sich, seit sie denken konnten. Im Sommer spielten sie Helden, mit Ästen als Schwertern und Schilden aus Holz.

An jenem Tag waren sie auf dem Weg zum alljährlichen Jahrmarkt des Dorfes. Rufus wurde von seinem Bruder Galen begleitet.

Galen war der Ältere der beiden Brüder, etwa fünf Jahre älter als Rufus, gerade genug, um als Kind stärker, schneller und in fast allem geschickter zu sein. Und obwohl Rufus ihn manchmal unerträglich fand, sah er in ihm nie einen Feind, sondern jemanden, mit dem er eines Tages gleichziehen wollte.

Galen war praktisch veranlagt, fleißig und besaß ein natürliches Charisma; er war jemand, der immer einen Weg fand, sich aus Schwierigkeiten zu befreien … oder einen anderen dazu zu bringen, sie für ihn zu lösen. Während Rufus eher nachdenklich und verträumt war, gehörte sein Bruder zu den Menschen, die wussten, wann sie reden, wann sie zuschlagen und wann sie lächeln mussten, um ihren Willen durchzusetzen.

Ihr Vater Edric pflegte im Scherz zu sagen:

„Einer meiner Söhne wird einmal ein anständiger Mann. Der andere … ein Problem. Ich weiß nur noch nicht, welcher von beiden was wird.“

Anders als Rufus, der die meiste Zeit im Wald und am See verbrachte, fühlte sich Galen auf dem Bauernhof und im Dorf wohler. Er verspürte nicht dieselbe Abenteuerlust wie sein Bruder.

„Es kommt nicht darauf an, wie weit du es bringen kannst, Rufus, sondern darauf, wie viel du in deinen Händen halten kannst, ohne dass es dir entgleitet.“

Das Dorf, das ihrem Bauernhof am nächsten lag, hieß Eldermere.

Ein alter Name, in dem etwas längst Vergessenes nachzuklingen schien. „Elder“ wegen der alten, knorrigen Bäume, die die Wege säumten, und „Mere“, weil das Land den Dorfältesten zufolge einst von einem gewaltigen See bedeckt gewesen war, lange bevor es Häuser oder Wege gab. Im Laufe der Jahrhunderte war dieser verschwunden und hatte nur den kleineren See zurückgelassen, an dem Rufus und Peter spielten.

Eldermere war weder groß noch geschäftig. Es war kein Ort, an dem außergewöhnliche Dinge geschahen.

Es war ein Dorf fleißiger Menschen, deren Hände von Kälte und Erde rau geworden waren. Die Häuser bestanden aus Stein und Holz und hatten steile Dächer, die den schweren Schneefällen im Winter standhalten konnten. Es gab einen zentralen Platz, auf dem jede Woche Handel getrieben wurde: Bäcker, Gerber, Holzfäller und Bauern verkauften das Wenige, das sie entbehren konnten. Ein Ort, an dem jeder jeden kannte und Gerüchte sich schneller verbreiteten als der Wind, der von den Bergen herabwehte.

Es gab eine Taverne namens Die Krumme Eiche, benannt nach einem verwachsenen Baum, der neben dem Eingang wuchs. Ihr Besitzer Harlan war ein großer, gutmütiger Mann, der gern Geschichten von besseren Zeiten erzählte und stets ein wachsames Auge auf die Schlägereien der Betrunkenen hatte.

Die Kirche des heiligen Aurelian war das älteste Gebäude des Dorfes. Ihre Glocke läutete dreimal am Tag, und der betagte Priester, Pater Tobias, war jederzeit bereit, einen Rat zu erteilen oder vor dem Wald und seinen Geheimnissen zu warnen.

Die Kinder wuchsen mit Geschichten über das auf, was sich zwischen den Bäumen verbarg, über Wassergeister und die Lichter, die manchmal auf dem See zu sehen waren. Doch die Erwachsenen sprachen nur mit gedämpfter Stimme darüber, als fürchteten sie, diesen Dingen Macht zu verleihen, indem sie sie erwähnten.

Eldermere bedeutete Heimat, Sicherheit und Alltag.

Und gerade deshalb hatte Rufus mit jedem Jahr, das verging, stärker das Gefühl, nicht mehr richtig dorthin zu gehören.

Jedes Jahr fand um dieselbe Zeit der Jahrmarkt statt, und alle zehn Jahre verwandelte sich das Dorf für eine einzige Nacht, um einen Zirkus anzulocken, wie man ihn sonst nur in den größten Städten des Königreichs zu sehen bekam.

Die sonst so stillen und dunklen Straßen wurden von Laternen und Fackeln erhellt. Das Lachen von Kindern und Erwachsenen hallte durch die Luft und vermischte sich mit den Klängen von Trommeln, Flöten und Geigen. Der Duft von Karamell, warmem Brot und Gewürzen lag in der Luft und hüllte die Besucher in eine Mischung aus Nostalgie und Staunen. Die Bewohner aller Dörfer der Umgebung kamen, um dieses außergewöhnliche Ereignis zu erleben.

Was diesen Jahrmarkt so einzigartig machte, war der Große Zirkus von Vorthen, ein Spektakel, das nur alle zehn Jahre im Dorf gastierte. Er kam mit seiner Karawane aus bunten Zelten, Wagen, in die verschlungene Figuren geschnitzt waren, und Laternen, die mit einem Schein brannten, der für einen gewöhnlichen Wanderjahrmarkt viel zu warm war.

Rufus, Peter und Galen gingen durch die Menschenmenge, atmeten den süßen Duft von Karamell und verbranntem Holz ein und spürten die Begeisterung der Menschen, die lachten, riefen und den Darbietungen applaudierten, die alles Gewöhnliche in den Schatten stellten.

Manche behaupteten, die Zirkuskünstler seien nicht ganz menschlich. Sie reisten mit dem Mond und verschwanden spurlos, sobald der Jahrmarkt vorüber war. Doch die Menschen von Eldermere zogen es vor, keine Fragen zu stellen.

Denn im Grunde wollten sie alle Teil des Spektakels sein, und sei es nur für eine einzige Nacht.

Wie gewöhnlich begann Galen, über Mädchen zu reden.

„Hast du Mina Grayweather am Apfelstand gesehen?“, fragte er mit einem selbstzufriedenen Lächeln. „Sie hat mir zugezwinkert. Die hab ich schon in der Tasche.“

Peter schnaubte.

„Bestimmt hatte sie nur etwas im Auge.“

„Ach, bitte. Du hast doch dasselbe gesehen wie ich. Die Mädchen lieben mich.“

„Die Mädchen lieben die Münzen, die du für sie ausgibst“, murmelte Rufus, der sich die Bemerkung nicht verkneifen konnte.

Peter brach in Gelächter aus.

„Das ist das Geheimnis deines Bruders. Sein Geldbeutel ist großzügiger als sein Herz. Er wirft mit Geld um sich, als würde es vom Himmel fallen, nur um die Mädchen zu beeindrucken.“

Galen ärgerte sich ein wenig.

„Wie ungerecht! Glaubst du etwa, man kann sich im Leben alles kaufen? Mädchen lassen sich nur dann einladen, wenn sie einen mögen.“

„Oder wenn sie Hunger oder Durst haben“, berichtigte Peter ihn. „Ich glaube kaum, dass Mina Grayweather dich heiratet, nur weil du ihr auf dem Jahrmarkt einen Becher Met kaufst. Aber wenn du mir einen kaufst, gebe ich dir einen Kuss.“

Galen zuckte mit den Schultern.

„Igitt! Wie widerlich …!“

„Auf die Wange natürlich …“, stellte Peter klar.

„Ich will Mina doch gar nicht heiraten. Ich will sie lächeln sehen. Und ich hätte nichts dagegen, wenn sie mich küssen würde …“

Peter schüttelte den Kopf, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen.

„Das ist so gut wie ausgeschlossen.“

„Was wisst ihr schon davon? Ihr seid doch noch Kinder …“

„Was meinst du, Rufus?“

Rufus schwieg eine Weile und betrachtete die Lichter des Jahrmarkts, die sich in den Pfützen auf dem Boden spiegelten.

„Wenn eine Frau mit dir lacht, darfst du dir Hoffnungen machen, Bruder. Wenn sie über dich lacht, kannst du nur auf Glück hoffen. Aber wenn sie deine Geschenke annimmt, ohne dir auch nur in die Augen zu sehen, solltest du lieber aufhören, deine Münzen auszugeben, denn dann bist du bloß der Trottel, der ihr Essen und Trinken bezahlt. Aber nur zu, verteil weiter dein Geld, als hättest du mehr als genug davon.“

Galen war es gewohnt, seinen Bruder mit einer Weisheit reden zu hören, die weit über dessen Alter hinausging. Also dachte er über diese Worte nach, während sie weitergingen.

„Jetzt hör schon auf, Rufus, du bist ein alter Griesgram. Du bist der Jüngste in der Familie. Warum entspannst du dich nicht mal? Du hältst den ganzen Tag Predigten.“

„Du weißt, dass wir eine arme Familie sind. Und du wirfst das Geld zum Fenster hinaus“, sagte Rufus.

Der Jahrmarkt war noch immer voller Leben, als drei Mädchen ihren Weg kreuzten. Zwei von ihnen waren im selben Alter wie Rufus und Peter, doch die dritte, Elyse Marwood, war älter, etwa so alt wie Galen. Als Tochter des Tuchhändlers hatte sie schon immer zu den beliebtesten Mädchen des Dorfes gehört, mit ihrem langen braunen Haar und einem Lächeln, das selbst Priester ihr Keuschheitsgelübde vergessen lassen konnte.

Galen erkannte seine Gelegenheit und ließ sie sich nicht entgehen.

„Elyse.“ Seine Stimme klang plötzlich tiefer und selbstbewusster. „Täuschen mich meine Augen, oder ist der Jahrmarkt gerade heller geworden, seit du hier bist?“

Sie verschränkte die Arme und hob eine Augenbraue.

„Redest du immer so mit Mädchen oder nur, wenn du versuchst, sie zu beeindrucken?“

Er lächelte.

„Nur wenn ich dich sehe.“

Elyse lachte, ließ jedoch offen, ob sein Annäherungsversuch Wirkung zeigte.

Unterdessen waren Rufus und Peter bereits mit den beiden anderen Mädchen ins Gespräch gekommen, Mira und Colette, die ebenfalls aus dem Dorf stammten.

„Wart ihr schon auf dem Karussell der Schicksale?“, fragte Colette, deren Augen vor Begeisterung leuchteten. „Man sagt, wenn man die Augen schließt und sich einfach treiben lässt, kann man seine Zukunft sehen.“

„Das ist doch Unsinn“, sagte Peter achselzuckend. „Bestimmt ist das nur ein Trick, um die Leute hineinzulocken und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.“

„Warum probierst du es dann nicht aus?“, spottete Mira und verschränkte die Arme. „Hast du Angst vor dem, was du sehen könntest?“

Peter richtete sich auf.

„Ich habe vor nichts Angst.“

„Ach nein?“, fragte Colette mit einem schelmischen Lächeln. „Und was, wenn du siehst, dass du am Ende Mira heiratest?“

Mira setzte eine gespielt entsetzte Miene auf.

„Das allerdings … Was für ein schreckliches Schicksal!“

Peter schüttelte lächelnd den Kopf.

„Ich bezweifle, dass das Karussell so grausam ist.“

Die Mädchen lachten, und Rufus beobachtete die Szene schweigend und amüsiert, war mit seinen Gedanken jedoch ganz woanders.

„Und du, Rufus?“, fragte Colette. „Hast du auf dem Jahrmarkt schon etwas Interessantes gesehen?“

Rufus ließ sich mit der Antwort Zeit.

„Alles ist interessant.“

„Das ist eine ziemlich ausweichende Antwort. Wie immer …“, sagte Colette.

„Ist eben so … Wir sind gerade erst angekommen. Alles sieht interessant aus.“

Mira sah ihn von der Seite an.

„Was wollt ihr euch ansehen?“

Rufus lächelte.

„Alles, wofür wir Zeit haben. Ich würde meine Zukunft jedenfalls gern sehen. Ich habe keine Angst davor.“

Die Mädchen lachten, und Galen, der im Hintergrund zugehört hatte, während er versuchte, Elyse zu bezaubern, hob zustimmend die Hand.

„Das ist die richtige Einstellung, Bruder!“

Elyse verdrehte die Augen und verschränkte die Arme.

„Ich wette, den Spruch, mit dem du mich vorhin begrüßt hast, hast du schon bei anderen ausprobiert.“

Er legte sich mit gespielter Empörung eine Hand auf die Brust.

„Elyse, bitte. Ich würde niemals einen Spruch wiederholen, den ich bei dir benutzt habe, und bei dir würde ich niemals einen Spruch benutzen, den ich schon bei jemand anderem verwendet habe, nicht einmal bei meiner Familie.“

„Ach nein?“

„Natürlich nicht. Du verdienst etwas viel Besseres. Du verdienst Aufmerksamkeit, jemanden, der dir hinterherläuft und den Boden küsst, auf dem du gehst.“

Sie blinzelte und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„Hm … Vielleicht hast du ja doch ein gewisses Talent.“

Galen lächelte triumphierend.

Peter seufzte.

„Ich kann nicht glauben, dass er damit tatsächlich Erfolg hat.“

Rufus zuckte nur mit den Schultern. „Du unterschätzt ihn …“

Während sie weitergingen, hob ein zwei Meter großer Koloss einen gewaltigen Baumstamm über seinen Kopf, und die Menge applaudierte. Marek, der Riese des Nordens, forderte die Mutigsten des Dorfes heraus, schwere Felsbrocken auf einer Holzplattform zu stemmen.

Galen konnte bei seinem Ehrgeiz nicht widerstehen.

„Ich gebe dir einen Sack Weizen und zwei Ziegen, wenn du ihn übertriffst“, sagte der Ausrufer, als er ihn entdeckte, mit einem spöttischen Lächeln.

„Versuch es“, ermunterte Elyse ihn. „Von der Arbeit auf dem Bauernhof bist du doch kräftig.“

„Was kostet die Teilnahme?“

Peter schüttelte neben ihm den Kopf.

„Rufus, sag deinem Bruder etwas, bevor er sich noch den Rücken bricht.“

Doch sein Freund lächelte nur.

„Lass ihn. Mein Bruder nimmt lieber einen Bandscheibenvorfall in Kauf, als zuzugeben, dass jemand stärker ist als er. Vor allem, wenn Elyse dabei ist.“

Der Ausrufer lächelte wie ein schlauer Fuchs und schlug mit seinem Stock auf die Holzplattform.

„Fünf Draken pro Versuch, Junge. Wenn du mehr Gewicht stemmst als Marek, verdoppeln wir den Einsatz: Du bekommst zwei Säcke Weizen und vier Ziegen.“

Fünf Draken waren kein Vermögen, aber auch kein geringer Preis. Galen holte die Münzen aus seinem Beutel, blickte ohne zu zögern zu Elyse und ließ sie in die Hand des Ausrufers fallen.

„Das ist es wert“, sagte er selbstbewusst und schenkte dem Mädchen ein Lächeln.

Sie verschränkte amüsiert die Arme.

„Mal sehen, ob deine Kraft länger anhält als deine großen Worte.“

Die Umstehenden begannen, ihn anzufeuern. Marek, der Riese des Nordens, beobachtete die Szene mit einem undurchdringlichen Lächeln.

„Na los, Junge. Zeig uns, was in dir steckt.“

Der Ausrufer deutete auf mehrere große, vom häufigen Gebrauch abgenutzte Steine.

„Such dir einen aus. Du musst ihn nur über deinen Kopf heben und fünf Sekunden lang oben halten.“

Galen ließ den Blick über die Steine schweifen und wählte mit einer Mischung aus Stolz und Dummheit den größten aus.

Peter schlug sich die Hand vors Gesicht.

„Er ist so gut wie tot.“

„Ach was!“, sagte Rufus mit einem halben Lächeln. „Galen würde lieber sterben, als sich vor Elyse zu blamieren.“

„Genau deshalb sage ich ja, dass er so gut wie tot ist.“

Galen stellte sich in Position, beugte die Knie, packte den Stein mit beiden Händen und zog mit aller Kraft daran.

Der erste Versuch war eine Katastrophe.

Er bewegte den Stein keinen einzigen Zentimeter.

Die Menge brach in Gelächter aus.

„Komm schon, Galen, das ist kein Mehlsack“, spottete Elyse mit einem amüsierten Lächeln.

Galens Kiefer verspannte sich. So durfte er nicht verlieren.

Er holte tief Luft, korrigierte seine Haltung, biss die Zähne zusammen und versuchte es erneut.

Diesmal hob sich der Stein.

Nur wenige Zentimeter. Aber genug, um die Menge den Atem anhalten zu lassen.

Galen biss die Zähne noch fester zusammen, seine Muskeln zitterten vor Anstrengung, sein Gesicht lief rot an … und dann rutschten ihm die Füße auf dem Holz weg, und er fiel mit einem dumpfen Aufprall rücklings zu Boden, während der Stein zur Seite rollte.

Zwei Sekunden lang herrschte Stille.

Dann brachen Elyse, Mira und Colette in schallendes Gelächter aus.

Peter krümmte sich vor Lachen und schlug Rufus auf das Knie.

„Unglaublich! Das war noch schlimmer, als ich gedacht hatte!“

Rufus lächelte nur und beugte sich über seinen am Boden liegenden Bruder.

„Galen, soll ich Mama Bescheid sagen oder gleich deine Grabinschrift verfassen?“

Galen stieß ein Knurren aus, noch immer auf dem Boden liegend.

„Leck mich, Rufus.“

Der Ausrufer half ihm lachend auf die Beine und flüsterte ihm ins Ohr.

„Guter Versuch, Junge. Falls es dich tröstet: Immerhin hast du den Stein vom Boden bekommen. Das ist schon viel mehr, als die meisten schaffen.“

„Das tröstet mich überhaupt nicht.“

Marek, der Riese, kam gemächlich näher und hob denselben Stein scheinbar mühelos mit einer Hand über seinen Kopf.

„Guter Versuch, Junge. Aber Stärke ist nicht nur eine Frage der Muskeln. Es kommt auf die Technik an. Und auf Geduld.“

Galen sah ihn stirnrunzelnd an und versuchte noch immer, wieder zu Atem zu kommen.

„Und du … was hast du?“

Marek lächelte mit einer beinahe philosophischen Gelassenheit.

„Zeit. Zeit, um zu lernen, wie man etwas richtig macht … und die Kraft, Dinge zu heben, die zehn Männer nicht heben können.“

Elyse klopfte Galen auf den Rücken und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Komm schon, Bauernjunge. Stehst du auf, oder müssen wir deinen Stolz für dich tragen?“

Galen schnaubte und kam unbeholfen auf die Beine, war wegen des Kusses jedoch glücklich.

„Ich brauche einen Drink.“

„Und eine Salbe für deinen Rücken“, fügte Peter hinzu.

Die Gruppe brach in Gelächter aus und setzte unter Scherzen und Neckereien ihren Weg über den Jahrmarkt fort. Sie ließen die Plattform, Marek und den Ausrufer hinter sich, der noch immer lächelte und sich über sein leicht verdientes Gold freute.

„Sehen Sie die Schlangenfrau und den Mann mit den hohlen Knochen, meine Damen und Herren!“, rief ein Mann vor ihnen.

In einem goldenen Käfig bewegte sich eine Frau mit schwarzem Haar und olivfarbener Haut mit unmöglicher Geschmeidigkeit. Nezha, die Schlangenfrau, verbog ihren Körper zu Formen, die wie aus einer anderen Welt wirkten.

Neben ihr kletterte ein großer, dünner Mann namens Soren auf ein Gerüst aus Seilen und Holz, verbog seine Knochen, als wären sie gar nicht vorhanden, und stauchte und streckte seinen Körper in Winkeln, die kein gewöhnlicher Mensch nachahmen könnte.

Die Zuschauer tuschelten:

„In diesem Körper kann kein einziger echter Knochen stecken. Er muss aus etwas anderem bestehen. Etwas Biegsamem, etwas, das nicht von dieser Welt ist.“

„Das ist nicht normal. Knochen können so etwas nicht“, sagte eine ältere Frau.

Rufus, der die Szene unverwandt beobachtete, nickte schweigend. Die Bewegungen des Mannes waren beinahe zu fließend, als gäbe es unter seiner Haut weder Fleisch noch Muskeln noch richtige Knochen.

„Vielleicht hat er gar keine richtigen Knochen“, flüsterte Mira Peter mit einem Schaudern zu und schlang die Arme um sich. „Vielleicht ist er so etwas wie ein … Hautsack mit irgendetwas darin.“

Peter verzog das Gesicht.

„Bei den Göttern, Mira, danke für dieses Bild.“

Colette, die eher amüsiert als verängstigt war, legte den Kopf schief.

„Man sagt, wenn er schläft, fällt sein Körper auseinander, als könnte er sich in kleinere Teile zerlegen.“

„Das ist unmöglich“, murmelte Elyse, obwohl sie selbst nicht ganz überzeugt klang.

„Auf diesem Jahrmarkt scheint überhaupt nicht viel möglich zu sein“, fügte Rufus leise hinzu.

Neben ihm pfiff Galen bewundernd, als Nezha, die Schlangenfrau, sich so weit nach hinten bog, dass ihr Rücken mühelos den Boden berührte.

„Also, die ist wirklich interessant.“

Elyse warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

„Natürlich. War ja klar, dass du darauf anspringst.“

„Wie könnte ich nicht?“, rief Galen lachend. „Sieh doch, was sie macht!“

Peter schüttelte den Kopf.

„Im Ernst, Galen, denkst du eigentlich jemals mit etwas anderem als deinen niederen Instinkten?“

„Nur wenn Elyse in der Nähe ist. Dann benehme ich mich wie ein Gentleman, denn sie hat es verdient.“

„Hereinspaziert zum Karussell der Schicksale!“, rief ein Mann ein Stück weiter.

Rufus wurde aufmerksam. Es war ein Karussell mit hölzernen Reittieren, doch jedes sah anders aus. Ein Wolf, ein Hirsch, ein Drache. Und in der Mitte ein Pferd.

„Wenn ihr aufsteigt und die Augen schließt, werdet ihr beim Öffnen der Augen einen flüchtigen Blick auf eure Zukunft erhaschen“, verkündete der Mann weiter.

Einige Kinder stiegen lachend ab. Andere schwiegen.

Ein älterer Mann stieg auf, und als er wieder herunterkam, standen ihm Tränen in den Augen.

Rufus ging weiter, gefolgt von seinen Freunden, die hinter seinem Rücken miteinander redeten. Plötzlich blieb er vor einem Zelt stehen.

„Das Zelt der Wunder und Flüche. Wahrsagerin und Blick in die Zukunft.“

Die Worte standen in goldenen Buchstaben auf einem abgenutzten grünen Hintergrund.

Es war ein dunkles Zelt, höher als die anderen, mit Vorhängen aus schwarzem und rotem Samt. Darunter stand auf einem weiteren Schild, ebenfalls in goldenen Buchstaben:

„Suchst du Antworten? Oder möchtest du sie lieber nicht wissen?“

„Sag bloß nicht, dass du dein Geld für diesen Unsinn ausgeben willst“, sagte sein Bruder. „Gib das Geld lieber mir, dann denke ich mir etwas über deine Zukunft aus, das dich unterhält.“

Doch Rufus war bereits dabei, das Zelt zu betreten.

„Vater hat uns Geld zum Ausgeben gegeben.“

Madame Verinas Zelt war von Schatten und duftendem Rauch erfüllt. Drinnen roch es nach Weihrauch und nach etwas anderem … etwas Metallischem, Altem, wie die Klinge eines Messers, das man in der Erde vergessen hatte.

Ein Tisch aus dunklem Holz stand in der Mitte des Zeltes, bedeckt mit einem schwarzen Samttuch. Ringsum flackerten Kerzen und warfen Schatten, die sich von selbst zu bewegen schienen. An einer Seite stand ein großer Spiegel.

Die sechs traten ein und lachten noch immer über den Unsinn, den Galen und Peter von sich gegeben hatten, doch die Atmosphäre im Zelt ließ ihr Gelächter allmählich verstummen.

Hinter dem Tisch wartete die Wahrsagerin auf sie.

Sie betrachtete sie nicht wie eine Verkäuferin, die auf Kundschaft wartete. Sie sah sie an, als wüsste sie bereits ganz genau, wer sie waren, was sie getan hatten und was sie noch tun würden.

„Wie viel kostet es, wenn Sie uns etwas über unsere Zukunft erzählen?“, fragte Rufus.

„Zwei Draken pro Person“, sagte sie ungerührt.

„Das ist ja Wucher!“, rief Galen. „Wir geben Ihnen fünf für uns alle.“

„So wenig ist es dir also wert, zu erfahren, was die kommenden Jahre für dich bereithalten?“

„Geben Sie uns denn eine Garantie, dass das, was Sie uns erzählen, auch wirklich eintreffen wird?“

Die Frau schnaubte und nickte schließlich.

Galen legte fünf Münzen auf den Tisch.

Und dann begann sie zu sprechen.

„Ah … du.“ Ihre Augen, von einem Blau, das viel zu tief war, um echt zu sein, richteten sich auf ihn. Langsam drehte sie eine Kupfermünze zwischen den Fingern, als spielte sie mit dem Schicksal selbst. „Du, der du spielst, der du lachst, der du immer gewinnst …“

Galen hob eine Augenbraue und lächelte.

„Das gefällt mir.“

Madame Verina kniff die Augen zusammen, drehte die Münze ein letztes Mal und fing sie in ihrer Handfläche auf.

„Du wirst das Mädchen heiraten, das du im Augenblick am liebsten neckst.“

Galen blinzelte.

„Wie bitte?“

Die Wahrsagerin hob den Blick zu Elyse, die, als sie den Blick bemerkte, die Augen senkte und die Arme verschränkte.

„Das ist lächerlich.“

„Ist es das?“, murmelte Madame Verina mit einem leichten Lächeln.

„Viel zu einfach. Sie hat gesehen, wie wir zusammen hereingekommen sind, und sich den Rest zusammengereimt.“

„Ihr werdet zwei Söhne und eine Tochter haben. Das Mädchen wird bei seiner Geburt gesundheitliche Probleme haben, und ihr werdet nicht wissen, ob es überlebt, aber es wird länger leben als jeder Mann und jede Frau, die je in diesem Dorf gelebt haben.“

Die Münze drehte sich erneut zwischen ihren Fingern.

„Ein Rat, Junge. Lachen und Liebe sind gute Gefährten, Stolz und Liebe dagegen nicht. Leg deine Überheblichkeit ab, sonst wird sie dich eines Tages zugrunde richten.“

Galen schnaubte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

„Erzähl mir lieber etwas Aufregendes.“

Die Wahrsagerin antwortete ihm nicht. Sie blickte einfach an ihm vorbei.

Zu Mira und Colette.

Die Stimmung veränderte sich.

Madame Verinas Augen schienen dunkler zu werden; die Kerzenflammen flackerten, als hätte jemand im Inneren des Zeltes geflüstert.

„Mira.“ Der Name erklang mit einem Echo, als käme ihre Stimme von mehr als einem einzigen Ort. „Diejenige, die mehr sieht, als sie sollte.“

Mira schluckte.

„Was soll das bedeuten?“

Madame Verina blinzelte nicht.

„Du hast bereits entschieden, wen du heiraten wirst“, sagte sie und sah Peter an, während die beiden rot wurden. „Er wird nicht dein erster Ehemann sein, aber das Schicksal hat euch bereits miteinander verbunden, und nichts auf der Welt kann euch voneinander trennen. Ihr werdet in der Stadt leben, weit weg von hier, in einem großen Haus mit Dienstboten. Ihr werdet einen Sohn haben, der ein bedeutender Politiker am Hof werden wird.“

„Madame, Ihre Vorhersagen sind ziemlich vorhersehbar“, sagte Galen. „Was hätten Sie uns erzählt, wenn nur mein Bruder und Peter gekommen wären?“

Die Kerzen flackerten erneut und warfen Schatten auf die Zeltwände, die sich wie von selbst zu bewegen schienen. Madame Verina drehte langsam ihre Kupfermünze zwischen den Fingern und sah Galen mit einem rätselhaften Lächeln an.

„Ach, Junge … Wenn du glaubst, das Schicksal ändere sich, nur weil du entscheidest, wer seine Worte hört, dann hast du überhaupt nichts verstanden.“

Galen hob eine Augenbraue, antwortete jedoch nicht sofort.

Madame Verina wandte sich wieder Mira und Peter zu, die nach dieser Enthüllung noch immer rote Gesichter hatten.

„Das Schicksal des einen hängt nicht von der Anwesenheit eines anderen ab. Die Geschichte ist bereits geschrieben. Wären sie allein gekommen, hätte ich ihnen dasselbe gesagt. Aber …“ Hier trat ein seltsamer Glanz in ihre Augen. „Der Unterschied ist, dass sie es nicht geglaubt hätten.“

Peter runzelte die Stirn.

„Und warum sollten wir es jetzt glauben?“

Die Wahrsagerin neigte den Kopf und lächelte zum ersten Mal aufrichtig.

„Weil Worte, die man unbeachtet lässt, wenn man allein ist, wirklicher werden, wenn sie vor Zeugen ausgesprochen werden, vor jenen, die unweigerlich Teil der Zukunft sind.“

Die Gruppe rutschte unbehaglich hin und her.

Mira, der das eben Gehörte noch immer schwer im Magen lag, versuchte, Peter nicht anzusehen, den Jungen, mit dem sie offenbar ihr ganzes Leben verbringen würde, wenn auch nicht gleich beim ersten Anlauf.

„Das beantwortet meine Frage nicht“, beharrte sie und versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. „Was soll das heißen, dass ich mehr sehe, als ich sollte?“

Madame Verinas Lächeln verschwand.

„Manche Menschen haben Augen für die Gegenwart. Andere für die Zukunft.“

Ihr Blick wurde eindringlicher, als könnte sie in diesem Augenblick in Miras Innerstes sehen.

„Du … siehst Dinge, die du nicht sehen solltest. Das wird dir bei deinen Geschäften helfen, und du wirst mit deinem Mann sehr reich werden. Aber eines Tages wirst du etwas sehen, das dein Leben für immer verändern wird.“

Die Luft schien schwerer zu werden.

„Etwas Gutes oder etwas Schlechtes?“, fragte Mira leise.

Madame Verina ließ die Münze auf den Tisch fallen. Das metallische Geräusch schien in der eingeschlossenen Luft des Zeltes widerzuhallen.

„Etwas, das überhaupt nicht gesehen werden sollte.“

Mira bekam eine Gänsehaut.

„Wie kann ich das verhindern?“

„Vielleicht kannst du es. Aber die Neugier ist ein Faden, an dem man, sobald man einmal zieht …“ Madame Verina versetzte die Münze mit einem Finger auf dem Tisch in Drehung. „… alles andere auflöst.“

Mira lief ein Schauer über den Rücken.

Peter wollte sie aus ihrer Verlegenheit befreien, schnaubte und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar.

„Na ja, das mit dem großen Haus und den Dienstboten klingt doch gut, oder?“, versuchte er zu scherzen.

Doch niemand lachte.

Denn obwohl es niemand laut aussprach, hatten sie alle das Gefühl, dass Madame Verina weder in Metaphern noch in den vagen Warnungen einer Jahrmarktswahrsagerin sprach.

Sie beschrieb etwas Wirkliches.

Und von dieser Nacht an würde Mira nie wieder ein Spiegelbild betrachten, ohne sich zu fragen, was sie da eigentlich sah.

Colette machte sich bereit und blickte dabei zu Rufus, diesem introvertierten, aber gut aussehenden und intelligenten Jungen. Sie war an der Reihe, und sicherlich würde ihre Zukunft der ihrer Freundinnen ähneln: Sie würde den Jungen heiraten, der neben ihr stand. Die Wahrsagerin sah sie eindringlich an und wandte sich an sie.

Die Kerzen im Zelt flackerten und warfen verzerrte Schatten auf die Stoffwände. Colette holte tief Luft, bereit, ihr Schicksal zu erfahren.

Sie warf Rufus einen Seitenblick zu, als wüsste sie bereits, was Madame Verina sagen würde. Er bemerkte es nicht – seine Gedanken hingen noch immer an den Worten, die die Wahrsagerin an Mira gerichtet hatte –, doch Colette hatte ihn schon vor langer Zeit bemerkt.

Manchmal, wenn sie sich in der Gruppe unterhielten, versank Rufus in Gedanken. Sein Blick schweifte in die Ferne, als lebte er zur Hälfte in dieser Welt und zur Hälfte in einer anderen. Doch er war klug, auf seine zurückhaltende Art freundlich, und wenn er sprach, hatten seine Worte ein seltsames Gewicht, als hätte er jedes einzelne sorgfältig bedacht, bevor er es aussprach.

Sie konnte nicht anders, als ihn sich an ihrer Seite vorzustellen.

Sicherlich würde die Wahrsagerin ihr sagen, dass sie einen guten Mann heiraten würde. Dass sie geliebt werden würde. Dass sie Kinder und ein ruhiges Leben haben würde. Etwas Ähnliches wie das, was sie Mira vorhergesagt hatte.

Doch als Madame Verina sie ansah, erlosch das Lächeln auf Colettes Lippen augenblicklich.

Denn die Augen der Wahrsagerin füllten sich mit einer Traurigkeit, die sie zuvor nicht gezeigt hatte.

„Du …“, flüsterte sie mit gedämpfter Stimme. „Du wirst diejenige sein, die vergessen wird.“

Colette zog sich das Herz zusammen.

„Was?“

Die Gruppe wurde unruhig.

Mira runzelte die Stirn.

„Was soll das bedeuten?“

Madame Verina ließ ihre Münze auf den Tisch fallen. Das metallische Geräusch hallte viel zu laut wider, wie ein Echo, das länger anhielt, als es sollte.

„Dein Name … deine Geschichte … eines Tages werden sie verschwinden. Deine Freunde werden dich verstoßen.“

Colette bekam eine Gänsehaut.

„Das ergibt keinen Sinn.“

„Für dich nicht. Noch nicht.“

„Aber …“ Colette versuchte nervös zu lachen, doch niemand sonst lachte.

Sogar Galen, dem sonst immer ein Scherz einfiel, blieb still.

„Werde ich sterben?“, fragte sie leiser, als sie beabsichtigt hatte.

„Nicht auf die Weise, die du dir vorstellst. Aber eines Tages wirst du unter den Menschen umhergehen, die du liebst, und sie werden nicht wissen, wer du bist, oder es nicht wissen wollen.“

Die Luft wurde dichter, als schlösse der Zeltstoff sie in mehr als nur einem gewöhnlichen Raum ein.

Peter schluckte.

„Sie übertreibt …“

Doch Madame Verina wandte den Blick nicht von Colette ab.

„Das Schicksal eines jeden von euch ist bereits besiegelt, aber deines … deines ist anders.“

Colette verspürte den dringenden Wunsch, etwas zu sagen, es abzustreiten, eine andere Antwort zu verlangen, doch ihre Lippen blieben trocken und stumm. Sie hatte Angst und war traurig.

Rufus protestierte:

„Unsere Zukunft gestalten wir selbst. Nichts ist unveränderlich, nichts, was man nicht ändern könnte. Wenn Sie schon ein Mädchen verfluchen wollen, dann geben Sie ihr wenigstens einen Rat, mit dem sie etwas anfangen kann. Es reicht nicht, ihr zu sagen, dass sie verlieren wird, was sie liebt … Sagen Sie ihr, wie sie dafür sorgen kann, dass sie, wenn der Tag kommt, noch etwas hat, wofür es sich zu kämpfen lohnt.“

Da wandte sich die Wahrsagerin ihm zu.

Die Kupfermünze rollte über den Tisch und blieb abrupt liegen.

Die Kerzenflammen flackerten heftig.

Und Madame Verina lächelte, doch es war kein freundliches Lächeln.

„Ah … du.“

Der Ton ihrer Stimme veränderte sich. Es war nicht mehr der theatralische Ton, in dem sie zuvor gesprochen hatte; ihr fehlte nun jener hypnotische Rhythmus, mit dem sie die Schicksale der anderen gewoben hatte.

Diesmal war ihre Stimme etwas anderes.

Tiefer.

Älter.

Rufus blickte ihr fest in die Augen, und für einen flüchtigen Augenblick sah er etwas in ihrem Spiegelbild sich bewegen, etwas jenseits des Kerzenlichts, etwas jenseits ihrer eigenen Gestalt.

Etwas, das ihn erkannte.

Madame Verina neigte den Kopf und betrachtete ihn, als hätte sie gerade etwas gesehen, das die anderen nicht begreifen konnten.

„Das stimmt, Junge …“ Ihre Stimme war ein Murmeln, ein Flüstern, das zwischen den Falten der Zeit hindurchzugleiten schien. „Kein Schicksal ist unabänderlich … aber es gibt Schicksale, die kein Wind, kein Ozean und kein Trick der Götter in eine andere Richtung lenken könnte.“

Die Münze, die sich zwischen ihren Fingern drehte, hielt plötzlich inne, ohne dass sie sie berührte.

„Das Mädchen und du, ihr werdet nicht heiraten.“

Colette senkte den Blick, unfähig, den Schatten der Enttäuschung auf ihrem Gesicht zu verbergen.

Doch Madame Verina schenkte ihr keine weitere Beachtung. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt nun Rufus.

„Deine Zukunft ist bereits bestimmt, Junge. Festgeschrieben an einem Ort, der nicht zu dieser Welt gehört. Du siehst noch viel weiter als Mira. Deine Sehkraft ist nicht nur für Geschäfte gut, sondern reicht weit darüber hinaus. Du siehst Dinge, die andere nicht einmal erahnen könnten.“

Die Worte trafen ihn wie ein Peitschenhieb gegen die Brust.

Madame Verina lächelte beinahe nachsichtig, als hätte sie seine Gedanken klar und deutlich gelesen.

„Diejenige, die auf dich wartet, wandelt nicht in dieser Welt, doch eines Tages wirst du die Schwelle überschreiten.“

Die Kerzen flackerten heftig, und einen Augenblick lang spürte Rufus Eis unter seinen Füßen. Das Eis des Sees.

Er spürte die Spiegelung des Mondes auf der gefrorenen Oberfläche. Er spürte ein Flüstern im Wind, eine Stimme, die keinem Sterblichen gehörte.

Madame Verina beugte sich noch ein wenig weiter zu ihm vor.

„Du wirst sie verlieren und wiederfinden. Bevor du ihr wiederbegegnest, wirst du zwischen Schatten und Sternen wandeln. Du wirst dort gehen, wo noch nie ein Mensch gegangen ist. Du wirst Dinge sehen, die niemand in dieser Welt je gesehen hat, und wenn der Augenblick kommt, wirst du vor der einzigen Entscheidung stehen, auf die es wirklich ankommt.“

Die Luft wurde dichter, als hätte sich gerade etwas Uraltes und Unermessliches über sie gebeugt, um zuzuhören.

„Aber hör gut zu, Rufus … Nur du wirst Colette helfen können, ihr Schicksal zu ändern.“

Mira, die bis zu diesem Augenblick noch viel zu sehr von ihrer eigenen Vorhersage beunruhigt gewesen war, hob ruckartig den Kopf.

„Was?“

Madame Verina richtete sich langsam auf, als wäre ihre Arbeit getan.

„Das Schicksal ist ein Spinnennetz. Manche Fäden sind unauflöslich miteinander verwoben …“ Ihre Augen ruhten auf ihm und leuchteten in einem unmöglichen Blau. „Und es gibt Menschen, die sie zerreißen können. Dein Schicksal und das von Colette sind miteinander verbunden.“

Dann wandte sie sich Colette zu.

„Fürchte nicht, was kommen wird. Fürchte, nicht bereit zu sein, wenn es so weit ist.“

Die Stille im Zelt wurde beinahe unerträglich.

Rufus spürte, wie sein Herz viel zu schnell schlug.

Die Kerzen flackerten ein letztes Mal.

Dann nahm Madame Verina ihre Münze an sich, lächelte mit jenem Ausdruck, den er niemals vergessen würde, und sagte in einem leichten, beinahe spöttischen Ton:

„Die Weissagung ist beendet.“

Niemand bewegte sich.

Niemand atmete.

Bis sich der Zeltvorhang in einem Windstoß bewegte, der dort nicht hätte sein dürfen.

Und Rufus wusste, dass sich alles verändert hatte.

„Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte, Madame?“, fragte Colette. „Um meine Zukunft zu ändern?“

„Wenn alle Rufus verlassen, wirst du an seiner Seite bleiben. Das wird dich retten. Aber es wird nicht leicht sein.“

„Wenn alle ihn verlassen …?“ Ihre Stimme klang leiser, als sie wollte. „Warum sollten sie ihn verlassen?“, fragte sie.

Madame Verina antwortete nicht sofort. Sie nahm ihre Kupfermünze und ließ sie auf dem Tisch kreisen.

Das Geräusch hallte viel zu laut durch das Zelt, wie ein Echo, das es nicht geben dürfte.

„Weil er einen Weg wählen wird, dem niemand sonst folgen kann. Du wirst sein einziger Halt in dieser Welt sein.“

Rufus spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief, noch bevor die Wahrsagerin ihre Worte zu Ende gesprochen hatte.

„Ich verstehe nicht …“ Colette runzelte die Stirn. „Bedeutet das, dass Rufus etwas Schreckliches tun wird?“

„Nein.“ Madame Verina ließ die Münze weiter zwischen ihren Fingern kreisen. „Die Welt fürchtet, was sie nicht versteht … Sie weist es zurück, brandmarkt es und stößt es von sich, als könnte sie es dadurch einfach ignorieren. Aber die Welt vergisst, dass gerade das, was sie zurückweist, das ist, was sie am meisten fürchten sollte.“

Die Stille wurde drückend.

„Wenn der Augenblick kommt, werden sich alle von ihm abwenden. Sogar diejenigen, die ihn heute Bruder nennen. Sogar diejenigen, die schwören, ihn niemals zu verlassen.“

Galen kniff die Augen zusammen.

„Das stimmt nicht.“

Die Wahrsagerin lächelte mit einer Ruhe, die allen eine Gänsehaut bereitete.

„Ich wünschte, es wäre so.“

Galens Gesicht verhärtete sich, doch er sagte nichts.

Colette sah Rufus an, als versuchte sie, etwas in seinem Gesichtsausdruck zu lesen, doch er hatte keine Antworten.

„Was soll ich also tun?“, beharrte Colette. „Wie kann ich das ändern?“

Madame Verina ließ die Münze ein letztes Mal kreisen und auf den Tisch fallen.

Diesmal gab es kein Echo. Dann sah sie Rufus an.

„Wenn das Eis zum ersten Mal bricht, bleib. Aber wenn es zum zweiten Mal bricht, wird sie nicht zurückkehren. Du wirst aufbrechen müssen, um sie anderswo zu suchen.“

„Das Eis?“, fragte Colette.

Die Wahrsagerin betrachtete sie mit jenem Blick, der über die Knochen hinaus, bis tief in die Seele zu reichen schien.

„Wenn alles zusammenbricht und er allein in der Dunkelheit zurückbleibt, wirst du da sein. Das wird dich retten. Das wird euer beider Schicksal ändern.“

Colettes Atem ging schneller.

„Von welcher Dunkelheit sprechen Sie?“

Madame Verina lächelte, antwortete jedoch nicht.

„Ich habe euch bereits gesagt, dass die Weissagung beendet ist … Zu viel über die Zukunft zu sprechen, kann sie verändern, und meistens nicht zum Guten.“

Die Luft schien kälter zu werden.

Und im zitternden Licht der Kerzen war Rufus’ Spiegelbild in den Augen der Wahrsagerin nicht sein eigenes.

Es war ein anderes.

Etwas Älteres.

Etwas, das wartete.

Galen wollte protestieren, doch Elyse packte ihn am Handgelenk und zog ihn entschlossen mit sich.

„Komm, wir gehen“, flüsterte sie. „Mit diesem Ort stimmt etwas nicht …“

Es war nicht nur die Vorhersage. Es war die Art, wie die Luft im Zelt immer dichter zu werden schien, wie sich die Schatten zu bewegen schienen, selbst wenn kein Wind wehte.

„Woher kannte sie unsere Namen?“, knurrte Galen und warf der Wahrsagerin einen Seitenblick zu, während Elyse ihn nach draußen zog. „Erkundigt sie sich vorher über die Leute in jedem Dorf, in das sie kommt?“

Doch Madame Verina schenkte ihm längst keine Aufmerksamkeit mehr.

Ihr Blick ruhte fest auf Rufus.

Und dann streckte sie die Hand aus, ohne die Augen von ihm zu nehmen.

„Rufus.“

Der Junge war bereits dabei, durch den Zeltvorhang zu treten, doch irgendetwas an der Art, wie sie seinen Namen aussprach, ließ ihn wie angewurzelt stehen bleiben.

Er drehte den Kopf.

Madame Verina hielt eine Karte in der Hand.

Rufus wollte sie zunächst nicht annehmen. Doch die Luft um ihn herum schien dichter zu werden, als wartete das Zelt selbst auf seine Entscheidung.

Schließlich trat er näher, streckte die Hand aus und nahm sie entgegen.

Die Karte war schwarz und abgenutzt, mit silbernen Buchstaben, die das Kerzenlicht auf unnatürliche Weise reflektierten.

Der Name darauf lautete nicht einfach nur „Madame Verina“.

„Verina, die zwischen den Schatten wandelt“.

Darunter stand eine Adresse.

„Straße des Verlorenen Horizonts Nr. 7, Vareth“.

Rufus runzelte die Stirn.

Er hatte noch nie von der Stadt Vareth gehört. Vielleicht war es auch nur ein Dorf oder ein Weiler.

Und dennoch kam ihm das Wort auf beunruhigende Weise vertraut vor.

Als hätte er diesen Namen schon einmal in einem Traum gehört.

Als er aufblickte, sah Madame Verina ihn mit der Gewissheit eines Menschen an, der bereits wusste, was er mit dieser Karte tun würde. Als wüsste sie, dass sie ihn Jahre später über die Schwelle ihrer Tür treten sehen würde, auf der Suche nach Antworten auf seine Fragen.

„Du wirst die Brücke zwischen zwei Welten sein“, sagte sie mit einer Stimme, in der etwas Unbenennbares lag. „Wenn der Tag kommt, an dem du allein deinen Weg gehst, dann nicht, weil du falsch gewählt hast, sondern weil die anderen niemals bereit waren, dir zu folgen. Und wenn das geschieht, Junge, wird die einzige Frage, auf die es wirklich ankommt, sein, ob du selbst noch bereit bist, weiterzugehen.“

Die Kerzenflammen erloschen schlagartig.

Und für einen Augenblick war Rufus sicher, dass etwas Unsichtbares zwischen ihnen hindurchgeglitten war und seinen Rücken berührt hatte.

Etwas, das von der anderen Seite des Spiegels kam.

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